Iaido News

Auf dem Weg zum Iai-Lehrer:
Erste Gehversuche

Was passiert eigentlich, wenn man aus beruflichen oder familiären Gründen den Wohnort wechseln muss? Eine neue Wohnung steht an, ein völlig neuer Bekanntenkreis muss sich entwickeln, die meisten von uns kennen diese Situation. Doch die Heimatstadt ist für uns Iai-Übende mehr als nur Wohnort: Wir haben unser Dojo, unseren Lehrer und in den meisten Fällen ist die Gefahr gering, daß sich dieser kurzfristig vom Acker macht. Das Dojo ist eine Konstante in unserem Leben. Eigentlich haben wir es verdammt gut.Aber das kann sich ja sehr schnell ändern. Ein neuer Studienort, ein neuer Job, das Szenario ist ganz alltäglich. Was also tun, wenn man nicht mehr regelmäßig trainieren kann und auch andere Iai-Gruppen weit entfernt sind? Ich jedenfalls würde so oft es geht Lehrgänge besuchen und mich um eine eigene Iai-Gruppe bemühen. Das klingt jetzt sehr simpel, ist es aber nicht, wie ich vor einigen Jahren zum ersten Mal selbst erfahren konnte. Übungsleiter zu sein erfordert Erfahrung, vielen Lesern brauche ich das nicht zu erzählen. Aber woher diese Erfahrung nehmen, besonders dann, wenn man noch nicht hoch graduiert ist, einem also keine eigene Gruppe angeboten wird? In meinem Fall bot der Uni-Breitensport eine Möglichkeit, ein wenig in diese spezielle Trainingssituation „hineinzuschnuppern“. Jedes Semester bieten zwei Vereine in Hamburg einen Anfängerkurs für Studenten an, einmal die Woche mit jeweils etwa eineinhalb Stunden Trainingszeit. In den meisten Fällen hat man es mit absoluten "Newbies" zu tun, muss beim Unterricht also ganz von vorne anfangen. Der Kurs des Wintersemesters 2002/03 im Hansa-Dojo hatte damals nur einen Übungsleiter und keinen Ersatz, sollte dieser einmal ausfallen. Daher bot ich mich als Aushilfe an und war fortan mitten im Geschehen und nicht nur Beobachter, besonders als der eigentliche Übungsleiter tatsächlich über einen längeren Zeitraum ausfiel.

Im ersten Augenblick mag man denken, dass es unter diesen Umständen einfach ist, eine Gruppe zu leiten, da man ja "nur" Anfänger vor sich hat. Aber dieser Moment geht schnell vorbei. Man merkt nämlich bereits bei den ersten Grundübungen und der ersten Vorführung erbarmungslos, woran es bei der eigenen Technik hapert. Und oftmals sind es eben die ganz essenziellen Elemente, die aus einem Bewegungsablauf eine wirkliche Kata machen. Die richtige Fußstellung, die Hüftarbeit, das Schneiden mit links und der Rhythmus sind nur einige Beispiele hierfür. Das zwingt einen dazu, sich wieder ganz stark auf diese Teile zu konzentrieren. Im Trainingsalltag findet man genügend Ruhe, gezielt an diesem oder jenem zu arbeiten. Ganz anders sieht es aber aus, wenn einem zehn bis fünfzehn Interessierte genau zuschauen und möglicherweise noch Fragen stellen. In der Theorie mag man die Antwort schnell parat haben. Aber die Schüler wollen es auch sehen.

Ein Konzept ist ebenfalls absolut notwendig, wenn man eine Gruppe leitet. Man sollte sich vorher gut zurecht legen, was man in einer Stunde behandeln möchte. Bereits erworbenes Wissen kann vertieft werden oder man studiert in kleinen Schritten eine neue Kata ein. Auch sollte ein mehrwöchiger Kurs ein Ziel haben, welches am Ende erreicht wird. Eine Möglichkeit wäre, das letzte Training durch eine Vorführung der Schüler mit richtigem An- und Abgrüßen zu beenden. In jedem Fall entwickelt man plötzlich großen Respekt für das, was ein „Sensei“ täglich leistet. Denn es genügt ja nicht, auf die eigenen Bewegungen zu achten. Hat man diese Hürde genommen, muss man die Schüler beobachten, ob sie in der Lage sind, das Gezeigte auch umzusetzen. Geht das nicht auf Anhieb, steht man vor den nächsten Fragen. Vielleicht hat man falsch erklärt oder der Schüler hat ein körperlich bedingtes Bewegungsdefizit. Möglicherweise fängt man also noch einmal von einer anderen Seite an.

In jedem Fall stellt man fest, dass es für die Anfänger unheimlich schwierig ist, die für Europäer ja doch eher ungewohnten Bewegungen im Iai zu erlernen. Fehlt dem Übungsleiter die Erfahrung, wird er die Schüler vielleicht überfordern. „Immer nur eine Sache.“ sagte mir Stefan Beling damals in diesem Zusammenhang. Auch wieder leichter gesagt als getan. Denn wenn ein Anfänger eine Kata zum ersten Mal ausführt, werden einem Fortgeschrittenen auf Anhieb viele Dinge auffallen. Dann ist zu überlegen überlegen, welches Element am wichtigsten ist und mit welcher Suburi-Übung man den Schüler weiterbringt.

Dies sind nur einige der Situationen, mit denen ich im Laufe der Zeit konfrontiert wurde. Auf diese Erfahrungen blicke ich auch heute noch mit großer Freude zurück, denn viele Teilnehmer waren schnell in der Lage, das Gelernte umzusetzen, schneller als ich es als Anfänger konnte. Das gibt einem die Bestätigung, dass man bei aller Unerfahrenheit doch auch einiges vermitteln konnte. Auf der anderen Seite bringen einen die Schüler aber auch dazu, sich sehr intensiv mit dem eigenen Training zu befassen und viele Aspekte des Trainingsalltags kritisch zu hinterfragen. Ich jedenfalls habe die Übungsstunden den Anfängern gegenüber mit einem besonders herzlichen „Arigatozaimashita“ beenden können. Ich verdanke ihnen viele wertvolle Erfahrungen.

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