Iaido News

Brauchen wir ein europäisches Iaido?

Wie fast alle japanischen Kampfkünste legt auch das Iaido nach außen einen großen Wert auf den Bezug zum Ursprungsland. Verbände bemühen sich um japanische Lehrer oder wenigstens um Übungsleiter, die von einem Japaner unterrichtet wurden oder werden. Wie groß ist aber nun der tatsächliche „japanische Einfluß“ auf das Training und welche Konsequenzen kann man daraus ziehen? Eine kurze Bestandsaufnahme, bevor es weitergeht:Wer sich in der Community ein wenig umschaut, wird erst einmal auf verschiedene Schulen stoßen. Hierzulande sind das im Wesentlichen die Muso Shinden Ryu und die Muso Jikkiden Eishin Ryu. Beide Schulen wiederum werden von verschiedenen Verbänden vermittelt. Hat man schon ein paar Lehrgänge besucht, also auch unterschiedliche Lehrer in Aktion erlebt, wird es noch komplizierter: Die Übungsleiter unterscheiden sich zuweilen voneinander wie Tag und Nacht, was zunächst nicht als Wertung verstanden werden sollte. Manche unterrichten nur Technik, einige schwören auf den spirituellen Background, wieder andere bevorzugen einen Mix aus beidem. Einflüsse aus dem Kendo, dem Aikido und dem Taichi können unterschwellig hinzukommen, je nachdem, was ein Übungsleiter noch so macht. Wo ist da der rote Faden? Die Antwort ist zunächst simpel: Es gibt keinen. Die einzelnen Verbände sind zwar meist mit Regelwerken aus Japan ausgestattet. Dort steht zumindest zu lesen, wie eine Form auszuführen ist. Warum jedoch diese oder jene Technik so und nicht anders sein soll, wird man mit den Heften nicht herausfinden.

Ein etwas konkreterer Anhaltspunkt ist da schon eher ein Lehrer aus Japan, der Gruppen von Iaidoka zumindest einmal im Jahr „auf Spur“ bringen kann. Auf seine Spur wohlgemerkt, denn auch Japaner unterrichten nicht alles gleich. So sind nach ein paar Jahren wieder neue Regelwerke fällig. Katalisten werden erweitert und verändert, sogar das Reigi ist nicht vor solchen Umbauten sicher. Und hier ist erst einmal nur ein Verband gemeint. Links und rechts des Tellerrandes geht es ähnlich turbulent zu. Iaido ist eine lebendige Kunst, die sich in stetigem Wandel befindet. Nur wenige können sich jedoch den Luxus leisten, sich direkt in Japan unterweisen zu lassen. Letztenendes steht und fällt das Iaido in Europa mit den Dojos, den Übungsgemeinschaften, in denen Woche für Woche hart trainiert wird, die überwiegende Zeit ohne japanischen Lehrer.

Was bedeutet das für das eigene Training? Das kann durchaus verschieden sein. Es mag Dojos geben, in denen das ganze Jahr über geübt wird, was man vom letzten Jahreshauptlehrgang mitgenommen hat (oder zu haben meint). Andere entwickeln Techniken gemeinsam, probieren aus und verwerfen wieder. Schließlich stehen viele Katas zur Verfügung, nicht nur die der Seitei Iai. Und selbst dort sind viele Techniken verborgen, die auf Lehrgängen selten oder gar nicht angesprochen werden: So sind die verschiedenen Kamae-Haltungen hervorragend für eine Entdeckungsreise geeignet, besonders dann, wenn man alte Erklärungen (Das Hasso-Kamae sieht so aus, weil die Samurai früher diese großen Helme aufhatten) einmal bewußt über Bord wirft. Wie auch immer ein Lehrer vorgeht: In jedem Fall bedeutet das gemeinsame Training eine Aufwertung der einzelnen Trainingsgemeinschaften. Der direkte Einfluß japanischer Lehrer ist praktisch nicht vorhanden. Wirklicher Fortschritt resultiert aus der Arbeit jedes Einzelnen, wie auch der Gruppe.

Mein Lehrer meinte einmal zu mir: „Ich will nicht, daß die Schüler ihren Kopf an der Dojotür abgeben.“ Dieser Satz begleitet mich seit geraumer Zeit durch mein Training. Die Auffassung, daß man Techniken, Lehrmethoden und Vorschriften hinterfragen darf, garantiert dem Schüler eine gewisse Freiheit, innerhalb der Dojoregeln selbstverständlich. Er kann und soll selbst herausfinden, fühlen quasi, welche Geheimnisse sich in den Formen verbergen. Anders ist es auch kaum möglich, die Zeit bis zum nächsten Lehrgang sinnvoll zu verbringen. Dies verlangt jedoch Verantwortungsbewusstsein, Ernsthaftigkeit und Bescheidenheit. Darüber hinaus strengt es an, denn es ist ja viel einfacher, stets nur zu imitieren. Mit Leben erfüllen kann man sein Iaido jedoch nicht auf einfache Art.

Ich glaube, daß wir als Europäer historisch bedingt eine bestimmte Mentalität haben. Wir lieben Freiheit, wir lieben Unabhängigkeit. Zu fühlen, zu fragen und Unterdrückungen zu widerstehen. Wir wollen wissen, warum eine Kata so oder so ausgeführt wird. Wir wollen erfahren, ob unsere Technik (Sayabiki, Nukitsuke, Noto) auch mit einem scharfen Schwert funktionieren würde. Wir wollen nicht anhand des Winkels gesagt bekommen, ob unser Tchiburi gut ausgeführt ist, wir wollen es selbst fühlen. Wir wollen unser Iaido ergründen und verstehen. Und wir wollen, daß das Iaido uns mit zunehmender Erfahrung auch außerhalb des Dojos begleitet. Der (einheimische) Lehrer und die Katas lehren uns das Handwerkszeug. Sie sind verehrte Weggefährten, aber keine Gutsherren. Viele Korrekturen führen die Schüler zudem nicht direkt zur "perfekten Form", sondern zeigen eher einen Weg auf, eine Richtung, die der Iaidoka einschlagen soll. Die Hauptarbeit muß jeder für sich leisten, besonders ein Fortgeschrittener, der in der Grundtechnik schon sicher ist. Mit einer solchen Auffassung geht eine gewisse Emanzipation vom Ursprungsland einher. Von diesem Standpunkt aus betrachtet kann es eine Chance bedeuten, im Trainingsalltag so sehr auf sich gestellt zu sein. Es könnte sich im Laufe der Zeit ein neues Iaido entwickeln. Dies könnte europäisches Iaido werden.

Kommentare

  • der Alte

    Nur zu besseren verstehen: (ein alter Übungsleiter)...
    Iaido spielen bedeutet im allgemeinen Verständnis „geistige Arbeit“. Diese hat zwei Aspekte, die sich gegenseitig bedingen: Die Beruhigung des Geistes und die Einsicht in die Natur des Geistes. Sie ist somit als ein Prozesses zu betrachten und nicht als ein Ding. Ohne einen ruhigen Geist kann keine Einsicht erlangt werden; ohne Einsicht wird die Natur des Erlebens nicht verstanden. In der Regel steht das Beruhigen des Geistes an erster Stelle, sowohl für Anfänger als auch für Erfahrene. Einsicht tritt ein, wenn die korrekte Technik verfolgt wird. Das kann ein schmerzvoller Prozess sein, fordernd, langweilig oder anstrengend, denn die Angewohnheiten und Annahmen aus denen jeder besteht, müssen herausgefordert werden. Schließlich aber erlebt jeder Freude in einer neuen Tiefe und Klarheit. Als wahre Bud(d)oka sollte jedem die Technik eigen sein.
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