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Gefangen in Japan

Buch GolowninBuch: Wassili Michailowitsch Golownin »Abenteuerliche Gefangenschaft im alten Japan 1811 bis 1813«

Das Thema ist zwar nicht direkt dem Kampfsport zugehörig, bietet aber einen faszinierenden Blick hinter den Vorhang des abgeschotteten Japan der Edo-Periode für alle, die an japanischer Lebensart und Geschichte interessiert sind.Im Jahre 1811 werden der russische Schiffskommandant Golownin und eine Handvoll seiner Männer mitsamt einem einheimischen Übersetzer während einer geographischen Expedition zu den damals japanischen Kurileninseln auf Hokkaido gefangen gesetzt. Es folgt eine Odyssee durch diverse mehr oder weniger komfortable Gefängnisse, endlose, zeremoniell abgehaltene Verhandlungen und eine letztlich gescheiterte Flucht durch Feindesland. Die Flucht selbst wird ihnen nicht negativ ausgelegt, da keine Japaner zu Schaden kamen und der Zweck einzig ihre Befreiung war. Die Gefangenen werden halbwegs anständig behandelt, bleiben aber anfangs tagelang ebenso kunst- wie qualvoll gefesselt, erfahren immer wieder das Mitgefühl besonders der einfachen Japaner, die sich dabei selbst in Gefahr bringen. Die Kunst des Fesselns wird eindringlich geschildert und wird ja in Japan bis heute gepflegt, beispielsweise in den Fotografien von Nobuyoshi Araki. Nebenbei erfolgt eine genaue Beobachtung und Schilderung von Land und Leuten. Das Buch endet mit der durch Verhandlung erreichten Befreiung der Gefangenen und ihrer fröhlichen Verabschiedung. Ein interessanter zeitgeschichtlicher Aspekt: erst nach ihrer Befreiung erfahren die Russen, daß Napoleon in Rußland eingefallen war und wieder vertrieben wurde.

Für mich etwas offen bleibt die Rolle des Mitgefangenen Moor, einem Deutschrussen. Dieser versucht sich den Japanern anzudienen, will offensichtlich einer der ihren werden. Ob aus niederen Beweggründen oder wahrer Liebe zu Japan ist nicht ganz erkennbar. Letztlich bleiben seine Bemühungen durch die damalige Politik der Abschottung fruchtlos.

Golownin ist ein erstaunlich unvoreingenommener Beobachter, der auch zu tieferen Einsichten in Gesellschaft und Lebensweise der Japaner gelangt. So schildert er zwar japanische Gärten drastisch mit Pfützen als Seen und Erdhaufen als Inseln, erkennt diese aber auch als verfeinertes Abbild der Natur. Erstaunlich für Europäer ist der hohe Bildungsstandard, fast alle Japaner können lesen und schreiben. Beschrieben wird auch das Kastensystem und seine Auswirkungen, mit Betonung des Soldatenstandes (sprich Samurai) und seinen feinen Abstufungen. Nur die Soldaten dürfen die zwei Schwerter (Golownin spricht von Dolch und Säbel) tragen. Er beschreibt der Umgang damit und die Tragegewohnheiten werden geschildert. Weiterhin stellt Golownin Betrachtungen über Eßgewohnheiten an, über Rauchsitten (!), japanische Badekultur, Bekleidung, die Isolationspolitik und am Ende denkt er auch über die Reformierbarkeit der japanischen Gesellschaft nach. Er beschreibt Freudenhäuser, Heiraten, Scheidungen, Hinrichtungen und vieles weitere mehr.

Die Gefangenen versuchen ein Wörterbuch zu erstellen, viel Zeit hatten sie ja. Aber ein direkter Vergleich vom russischem Alphabet und japanischen Schriften ist Christen verboten. Sie arbeiten also mit lautsprachlichen Umschreibungen. Ein dazu bestellter Japaner darf aber Russisch lernen. Als Dolmetscher dienen sonst nur ihr kurilischer Mitgefangener und auch ein Holländer im Gefolge des Gouverneurs. Die Holländer haben als einzige Europäer im isolierten Japan begrenzte Aufenthaltsrechte.

Erstaunlich bleibt die wiederholte Erwähnung von Feuerwaffen, sowohl Kanonen als auch Flinten. Das steht in krassen Gegensatz zu den Lehren von „Last Samurai“ oder auch dem Buch „Keine Feuerwaffen mehr. Japans Rückkehr zum Schwert, 1543-1879“ von Noel Perrin. Es wird sehr wohl geschossen und die Gewehre in der Bewaffnung der Soldaten werden immer wieder aufgeführt. An einer Stelle erfolgt auch ein Vergleich der japanischen Luntenschlossgewehre mit den moderneren russischen Steinschlossgewehren. Die Japaner sind eher verwundert über diese Technik und fühlen sich technologisch nicht unterlegen.

Das Buch ist bereits 1995 in der Edition Erdmann erschienen, ISBN 3865032273, kostet € 24,- und ist noch lieferbar.

Eine kurze Biographie von Wassili M. Golownin ist bei Wikipedia zu finden.

Artikel von Karsten Kerkau, Hamburg

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