Iaido News

Iaido-News Gastbeitrag:
Erfahrungen eines Novizen

Eigentlich wollte ich ja Kendo erlernen und suchte im Internet nach geeigneten Vereinen, die auch möglichst nahe in der häuslichen Umgebung liegen sollten. Fasziniert hat mich an diesem Kampfsport die Kleidung und Gesichtsmaske und der Umgang mit einer Schwertnachbildung. Na ja, ein wenig beeindruckt sind wir ja alle von der martialischen Erscheinung der Kampfsportarten, die man so landläufig im Fernsehen sieht.

Aber jetzt lerne ich Iaido. Und das kam so…Durch die Wirren des Internets bin ich auf Iaido gestoßen, was mir zunächst einmal gar nichts sagte. Aber manchmal sind ja diese Wirren eben auch ein Glücksfall. Nach diversem Mailverkehr mit einem Iaido–Lehrer wusste ich immer noch nicht so recht, was den nun Iaido eigentlich ist und bin einfach zu einem Probetraining gegangen. Irgendwie dachte ich bei mir, dass muss so etwas mit „Konzentrieren“ und „Yoga“ zu tun haben, denn ich hatte etwas gelesen von „der Samurai ahnt den Angriff bevor er da ist und kommt ihm durch eine zusammenhängende Schnittfolge des Schwertes zuvor“ und „der gute Samurai verhindert einen Angriff alleine durch seine Erscheinung oder seinem Bild vor den potentiellen Gegnern“. Ja, Ja, der Plural ist hier schon angemessen. Also was hatte denn Iaido plötzlich mit Samurais zu tun?

Das hatte mich schon beeindruckt und so konnte man mich an einem Freitagabend zum ersten Mal in meinem Dojo sehen. Stimmt nicht ganz, da ich in meiner Jugend ja ein Judoka war, aber das zählt hier nicht so richtig.

Das mit dem Dojo hatte ich mir auch ganz anders vorgestellt. So in der Art irgendwelche japanischen Zeichen an der Wand, eine Götterfigur und ein paar Kirschzweige in einer Vase. Die Realität war eine ganz gewöhnliche Turnhalle, in der wir auch Fußball oder Tischtennis hätten spielen können. Als ich die Iaidokas in ihrer Kleidung sah, musste ich an „Shogun“ denken. Ist sowieso der beste Film. Aber Shogun in einer deutschen Umkleidekabine… das ist Japan in Deutschland!

Es gab übrigens keine Einweisung, der Lehrer hat mir ein Bokken in die Hand gedrückt. „Mach’ einfach mal mit, alles andere kommt dann schon“. Da ich von kräftigem Wuchs bin, habe ich alles, was in meinen Armen steckt, mobilisiert, damit es gleich am Anfang möglichst professionell aussieht. Am nächsten Tag konnte ich nicht einmal mehr die Kaffeetasse heben und meine Oberschenkel haben mich nur unter Zittern die Treppe hinaufgebracht.

Was ich nicht wusste; ich hatte eigentlich so ziemlich alles falsch gemacht, was man beim Iaido überhaupt falsch machen kann. Ich muss wie ein Hampelmann ausgesehen haben. Aber niemand hat heimlich gegrinst und das fand ich sehr gut und habe beim nächsten Mal gleich auch noch meine Frau mitgenommen. Denn diese Katas konnte ich mir ja überhaupt nicht merken und was einer nicht kann, vielleicht schaffen es ja Zwei. Sie kann das übrigens mittlerweile sehr viel besser als ich!

Übrigens, seit ich Iaido mache, habe ich keine Rückenschmerzen oder Nackenverspannungen mehr. Meine Haltung ist gerader geworden. Kein Fitness Center hätte das besser hinbekommen.

Und nach einem guten halben Jahr Training merke ich, wie ganz allmählich die Kraft nicht mehr nur von den äußeren Extremitäten kommt, sondern irgendwo aus meiner Mitte heraus.

Wie gesagt, dass mit den Katas ist so eine Sache. Man wird immer schlechter, je besser man wird. Für eine saubere Schnittbewegung – also eine Bewegung mit dem Schwertziehen beginnend bis hin zum Noto – schätze ich drei bis fünf Jahre Übung. Aber vollendet wird es wohl nie sein. Damit muss man sich abfinden, ist aber auch gut, denn sonst hätte man ja nichts mehr zu üben. Ganz wichtig, Iaido passiert mit dem Kopf und dem Körper als Einheit und das ist einfacher gesagt als umgesetzt. Man muss sich vollständig in eine Situation hineinbegeben – in ihr sein - und nicht mehr darauf achten, ob es der Nachbar vielleicht besser macht. Trotzdem bleiben die Erfolgserlebnisse nicht aus. Und diese wenigen sind dann auch sehr intensiv, wenn z.B. eine Gruppe sich im konzentrierten Einklang befindet und doch jeder für sich in sich eine Form übt. Dann ist das Dojo mit Iaido durchdrungen und es braucht auch keine japanischen Schriftzeichen mehr an der Wand. Für so etwas braucht man allerdings den nötigen Raum, und den gibt der Lehrer.

Wie sollte ein Iaido-Lehrer sein? Das ist wie mit einer neuen Arbeitsstelle, wenn man einmal unterschrieben hat, kann es hinterher doch ganz schön anders aussehen, als einem der erste Eindruck vermitteln sollte. Ich glaube ein guter Sensei darf nicht das Ziel haben, einem etwas beibringen zu wollen und muss doch immer der Meister sein. Der dir das „Framework“ zeigt und kleine Korrekturen vornimmt. Im Wesentlichen aber muss er es zulassen können, dass du dich selbst entwickeln kannst. Die Samurais waren ja auch keine Armee, die im Gleichschritt durch Japan wandelte, sondern Individuen, die sich selbst auferlegten Tugenden verpflichtet hatten. Und damit sind wir auch schon bei den fünf Falten des Hakama, die für die fünf Samuraitugenden stehen. Auch diese sollte sich der Iaidoka einmal genauer anschauen und sich wenn möglich ihnen annähern. Nach meinem Verständnis ist man nicht nur im Dojo ein Iaidoka, diese Tugenden sind im Leben auch ganz brauchbar, wenn nicht sogar erstrebenswert.

Aber am Schluss zu den weltlichen Dingen. Natürlich habe ich auch schon ein Iaito und damit des öfteren heimlich in der Dämmerung im Garten geübt. Ohne jetzt eine Aussage über die Qualität meines Schwertschwingens anzuschließen. Aber ansonsten steht das gute Stück wohlbehalten im Ständer in einer Ecke des Zimmers nahe am Bett und immer griffbereit. Wir gewöhnen uns sozusagen aneinander, da es schon einen Vorbesitzer hatte. Und auch ein Hakama, Gi und Obi liegen schon im Schrank. Die erste Anprobe habe ich hinter mir, nichts für eilige Genossen. Und in jedem Fall schwerer als das tägliche Krawattenbinden. Nachdem ich gleich dreimal über den Saum stolperte, zog ich es vor, mich nur noch im Entengang fortzubewegen. Und ich glaube, der ist bei einer Dan-Prüfung noch verboten. Aber das sind sowieso noch Träume.

Also, das mit dem Iaido ist schon was, aber eben nicht halbherzig zu schaffen. Ganz oder gar nicht, jedenfalls gar nicht, um damit besonders kämpferisch oder aggressiv aufzufallen. Aber dafür gibt es ja auch einen Sportauspuff bei D&W.

Oliver Kohler

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