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Persimmon Wind

Persimmon BuchcoverDiese Rezension hat einen etwas ungewöhnlichen Beginn. In der Regel beginnen Rezensionen mit einer Übersicht des vorgestellten Buches und setzten die Bekanntheit eines Autors voraus. Im Fall von Dave Lowry ist dies – unverdienterweise – nicht möglich. Kaum jemand in europäischen Budo-Kreisen verbindet etwas mit dem Namen Dave Lowry. Daher möchte ich an dieser Stelle auch anders vorgehen. Ich denke, dies ist auch wichtig, damit „Persimmon Wind“ (Wind, der nach dem Holz der Persimmone duftet – Anm. d. Autors) nicht für Fiktion gehalten wird und die verdiente Wertschätzung erfährt. Wer ist also dieser Dave Lowry? Lowry ist in Missouri, USA aufgewachsen und hat dort in frühen Jahren mit dem Erlernen von Judo und Karate-do begonnen. Durch glückliche Umstände ist er als Schüler des Kenjutsu von einem Vertreter des „Yagyu Shinkage Ryu“ akzeptiert worden. Gegenwärtig lebt Lowry in St. Louis, Missouri, arbeitet dort als Restaurantkritiker und praktiziert Iaido, Aikido und Kenjutsu. Einen Namen in englischsprachigen Budo-Kreisen hat sich Lowry durch zahlreiche Artikel in Journalen wie „Black Belt Magazin“, „Inside Karate“, „Fighting Arts International“ und „Furyu“ als auch durch mehrere Monographien gemacht. Gegenstand seiner Schriften sind die philosophischen Hintergründe, die Geschichte und die (Fehl-)Entwicklungen im Budo. Anders gesagt, wer schon immer Nachfragen zu bestimmten Aspekten des Budo hatte, finden bei Lowry sicherlich Antworten oder zumindest Denkanstöße.Doch nun zu „Persimmon Wind“. Der Untertitel deutet es schon an: „Persimmon Wind“ ist in erste Linie eine Bericht über Lowrys Reise nach und in Japan. Allerdings sind seine Schilderungen nicht nur deswegen interessant, weil Japan aus Sicht eines Kampfkünstlers geschildert wird; sondern der Reisebericht ist großen Teils autobiographisch und zeichnet sich durch eine hohe Sensibilität für die japanische Kultur aus. Aber auch von der sprachlichen Ästhetik her ist das Werk von Lowry lesenswert. Ihm gelingt es wiederholt, atmosphärisch tiefgründige Bilder zu zeichnen, welche die philosophische Tiefe des Budo und der japanischen Kultur und Sitten erkennen lassen. Doch wer nun befürchtet, bei „Persimmon Wind“ könnte es sich um „trockene Kost“ handelt, der irrt. Lowrys Werk sprüht vor Lebendigkeit und Humor; hat aber auch seine stillen, nachdenklichen Momente.

Japan modernWas kann man inhaltlich von „Persimmon Wind“ erwarten? Zu Beginn konfrontiert Lowry den Leser mit seinen Beweggründen für die Reise nach Japan. Es wird schnell deutlich, daß diese Reise nicht nur den Zweck verfolgt, ein Wiedersehen mit seinem Kenjutsu-Lehrer zu ermöglichen. Vielmehr geht Lowrys Unternehmung eine Krise voraus: Er stellt fest, daß sich all die Örtlichkeiten, an denen er in Kenjutsu unterwiesen wurde, einem radikalen Wandel unterliegen und Neuem weichen müssen. Daß dies nicht immer ein Wandel zum Guten ist, läßt sich schnell erspüren. Lowry läßt hieran kein Zweifel. Jedoch hat diese Melancholie noch größere Tragweite. Dies läßt sich jedoch nur schemenhaft erahnen. Es geht um das Bewahren des Budo selbst. Lowrys Reise wird somit zur Suche nach den Wurzeln des Budo, insbesondere des Kenjutsu, und seiner persönlichen Geschichte.

Man mag nun dieses Vorhaben als naives Unterfangen seitens Lowrys begreifen. Das dem nicht so ist, wird deutlich daran, daß Lowry von selbst auf dieses Thema zu sprechen kommt. Er erwartet nicht, daß antike Japan der Samurai wiederzufinden. Er warnt sogar den Leser vor dieser Motivation. Denn ein solches Unterfangen kann nur in Enttäuschung enden; Japan hat sich in den letzten hundert Jahren zu grundlegend verändert, als daß die Kultur der Samurai im Alltagsleben der Japaner jeder Zeit zu finden ist. Auch, so bemerkt Lowry weiter, würde man sich durch solch vorgefaßte Vorstellungen das Erfahren der japanischen Kultur selbst verwehren. Denn zwischen der westlichen Vorstellung wie Japan sein müßte und der Realität gibt es noch heute starke Unterschiede.

Ausgehend von diesen anfänglichen Überlegungen geht Lowry dazu über, seine Ankunft in Tokyo zu beschreiben. Sein erstes Abenteuer in Japan besteht darin, traditionelle, japanische Unterwäsche zu erstehen, was auf Seiten der japanischen Bevölkerung eher für Belustigung sorgt (und beim Leser auch). Denn anstatt das Anliegen von Lowry ernst zu nehmen, befaßt man sich mit der Größe seines Gemächts und der Frage, ob dieses tatsächlich in die kleingeschnittene japanische Unterwäsche passen würde. Was die diskutierenden Japaner nicht ahnen ist, daß Lowry durchaus des Japanischen mächtig ist. Nach der Beschreibung dieser kurzen, wenn auch verfänglichen Szene geht Lowry dazu über, den weiteren Verlauf seiner Reise zu beschreiben. Er verläßt Tokyo in Richtung des ländlichen Japans und damit auch zu den Ursprüngen des Budo. Dabei beschreibt er nicht nur das Iaido-Training in ländlichen Dojos, die Vorzüge der heißen Bäder in natürlichen Quellen, sondern ebenso die kulinarischen Genüsse der ländlichen japanischen Küche und die dortigen Sitten. Nudelsuppe wird grundsätzlich geschlürft; alles andere gilt als unziemlich und hinterwäldlerisch. Lowrys Reisenotizen brechen jedoch nicht an diesem Punkt ab. Er findet ebenso die Muße, die Architektur der japanischen Gärten und Burgen zu erläutern. All dies jedoch ohne aufdringlich oder belehrend zu wirken.

Den Höhepunkt findet Lowrys Werk in der Beschreibung seines Wiedersehens mit seinem Lehrer. Hieran wird deutlich, wie grundlegend sich die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler im Koryu und im Budo unterscheiden: Die Aufnahme in einen Ryu bedeutet gleichzeitig die Eingliederung in eine Familie, in einen Clan. Ausübung eines Koryu bedeutet damit das tägliche Erleben eines Koryu. Im Budo hingegen ist die Beziehung von Lehrer und Schüler zeitlich und funktional begrenzt. Sie besteht nur während des Trainings. Diesen Teil seines Buches nutzt Lowry darüber hinaus, über die Ursprünge des „Yagyu Shinkage Ryu“ zu reflektieren. Besondere Intensität erhalten diese Reflexionen durch den Lowrys Besuch des Wehrdorfes des Yagyu-Clans, dem Geburtsort des „Shinkage Ryu“. Weiterhin ist dies auch die Stelle in „Persimmon Wind“, an denen Lowry Andeutungen über die Okuden, die geheimen Lehren des „Shinkage Ryu“, macht.

Es gibt jedoch einen kleinen Wehrmutstropfen: Leider ist „Persimmon Wind“ nur in Englisch erschienen. Daher wird man die feinen Zwischentöne nur dann erfassen, soweit man ein gutes Sprachgefühl fürs Englische mitbringt. Andererseits kann man dies auch als Aufforderung begreifen, sein Englisch-Wörterbuch hervorzukramen. Denn läßt man sich von diesem Umstand abschrecken, entgeht einem einer der schönsten Abhandlungen zum Thema Budo und Japan. Und da bald Weihnachten ist, Dave Lowrys „Persimmon Wind“ sei einem wärmstens ans Herz gelegt.

Felipe Simmel, Hamburg

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