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Rezension zu Donn F. Draegers »Classical Budo: The Martial Arts and Ways of Japan 2«

Donn F.Draeger: Classical BudoIn der Auseinandersetzung mit der Geschichte der japanischen Kampfkünste stößt man zwangsläufig auf die Fragestellung, wie sich aus den Kriegskünsten (japan. Bûjutsu) das Bûdo, der Weg des Kriegers, wurde? Genauer gesagt, es scheint einen Bruch zwischen Bûjutsu und Bûdo zu geben: Ersteres ist einfach verschwunden, während letzteres willkürlich aus dem Nebel der Geschichte aufgetaucht ist. Natürlich verhält es sich nicht so einfach. Intime Kenner der Geschichte Japans kennen die Hintergründe. Doch den meisten, insbesondere westlichen Bûdoka fehlt diese Kenntnis: Sie wissen nicht, daß es eine evolutionäre Zwischenstufe zwischen dem Bûjutsu und dem heutigen Bûdo gab: das klassische Bûdo. Damit stellt sich natürlich die Frage: Was ist nun dieses klassische Bûdo? Dies zu klären, ist Ziel von Donn Draegers Abhandlung »Classical Budo: The Martial Arts and Ways of Japan 2«.Hierbei konzentriert er sich jedoch nicht auf die technischen Aspekte dieser Evolution – also auf den Wandel der einzelnen Techniken vom Bûjutsu zum klassischen Bûdo; sondern er will die politischen und sozialen Hintergründe sowie spirituelle Dimension der Transformation erläutern. Wer also ein Handbuch zu den unterschiedlichen (Kampf-) Techniken erwartet, ist auf andere Abhandlungen verwiesen. Um seine Erklärungen strukturieren, ist Draegers Werk in drei thematische Abschnitte aufgeteilt, welche im Folgenden ausführlicher beleuchtet werden. Im ersten Abschnitt erläutert der Autor die politischen und sozialen Rahmenbedingungen, welche den äußeren Impuls für die Wandlung zum klassischen bûdo gegeben haben. Im zweiten Teil beschreibt Draeger die spirituellen Aspekte der Beschreitung des Weges (japan. Do) – genauer: dessen unterschiedlichen Seins-Stufen. Und schließlich, in dem dritten Abschnitt, widmet sich Draeger der konkreten Transformation der unterschiedlichen Kriegskünste zu den Formen des klassischen Bûdo. Berücksichtigung finden hier Kenjutsu, Iaijutsu sowie andere Waffenformen und das Jujutsu (waffenlose Kampftechniken).

Wer an die klassischen Kampfkünste Japans denkt, fühlt sich unmittelbar an die epischen Schlachten und die fast mystischen Samurai erinnert, wie sie z.B. in Kurosawas Filmen imposant in Szene gesetzt werden. Daß das antike Japan jedoch nicht nur von kriegerischen Auseinandersetzungen heimgesucht wurde, ist wenig bekannt – oder wird gerne verdrängt. Allerdings ist gerade diese Periode – Edo-Periode (1603 – 1868) genannt – von entscheidender kultureller Wichtigkeit für Japan gewesen. Man könnte sie auch als Zeit der japanischen Renaissance begreifen. Denn in dieser Zeitspanne entwickelte sich das kulturelle Leben Japans besonders nachhaltig bzw. schon bestehende schöne Künste haben ihre Verfeinerung gefunden. Diese Entwicklung war nach Draeger jedoch nur aufgrund der allgemeinen Befriedung der japanischen Gesellschaft möglich. Dem Tokugawa-Clan war es nach einem langen und blutigen Wettstreit mit anderen Clans gelungen, die politische und militärische Kontrolle über Japan am Anfang des 17. Jahrhunderts unter sich zu vereinen. Allerdings hatte dies nach Draegers Auffassung ein Dilemma für die neuen Herrscher zur Folge: Obwohl sie regen Gebrauch von den unterschiedlichen Kriegerclans, den Ryu, gemacht hatten, stellten diese politischen und militärischen Kräfte nun eine permanent latente Gefahr für die eigene Herrschaft dar. Denn die Raison d’étre der Ryu bestand neben dem militärischen Dienst in der Systematisierung und Weitergabe der jeweiligen Kampfkünste. Kurz gesagt, wollte der Tokugawa-Clan seine Herrschaft sichern, mußte dieser einen Weg finden, diese Kräfte an sich zu binden oder diese zu verstreuen. Ersteres wurde dadurch erreicht, daß man von den Oberhäuptern des jeweiligen Ryu unterschiedlichste Vasallendienste forderte: Zu diesen gehörte u.a. der Aufenthalt am Hof in Edo sowie permanentes Reisen zwischen Hof und den Herrschaftsrefugien der Ryu. Die Verstreuung der militärischen Kräfte wurde erzielt, indem man das oberste Ziel der Kriegskünste umdeutete. Unter Bezugnahme auf Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus wurden nun die spirituellen und charakterlichen Qualitäten des Kriegers als gesellschaftliches Ideal propagiert. Entsprechend sollte die Ausübung der Kampfkünste nicht primär dem Erlernen technischer (Tötungs-) Effizienz dienen, sondern vielmehr ein Instrument zur spirituellen Kultivierung sein. Um diese geistige Schulung zu komplettieren, wurden von den Kriegern Japans (japan. Bushi) darüber hinaus gefordert, daß sie sich ebenso den schönen Künsten wie der Teezeremonie, der Poesie und der Malerei zuwenden. Die Pazifisierung der Bushi machte jedoch nicht an diesem Schritt halt: Da die Kriegsdienste dieser Kaste nur noch sehr selten benötigt wurden, konnten viele Bushi ihrem althergebrachten Broterwerb nicht mehr nachgehen. Ein Ausweg bestand darin, so Draeger, daß die unterschiedlichen Kampfkünste auch dem gemeinen Volk gegen Bezahlung zugänglich gemacht wurden. Um jedoch die Wahrscheinlichkeit politischer Aufstände zu minimieren, wurden nur abgeschwächte Formen der ursprünglichen Kampfkünste vermittelt. Dies wiederum hatte jedoch Rückwirkung auf die Vermittlung der Kriegskünste innerhalb der Kriegerclans. Nach Draegers Auffassung wurden damit die Techniken aus Sicht des Bûjutsu zunehmend ineffektiver und gekünstelter – somit pervertiert.

Daß die Wandlung des Bûjutsu zum klassischen Bûdo nicht nur äußerlich, also technischer Natur war, sondern sich ebenso auf den innere Zusammenhänge der Kampfkünste bezog, wurde schon angedeutet. Doch wie gestaltet sich nun diese Entwicklung? Nach Draeger ist von einem 4-stufigen Prozeß bei der Beschreitung des Weges auszugehen, an dessen Ende die Erreichung der Ebene des Do und damit der Erleuchtung steht. Als erste Stufe wird Gyo genannt. Man mag dies auch mit Training übersetzen. Sinngemäß ist handelt es sich um die Stufe der Initiation eines Schülers in eine Kampfkunst – also dem Anfang bei der Beschreitung des Weges. Ziel dieses Abschnitts ist das Erlernen der Etikette innerhalb des Dojos sowie der technischen Grundlagen einer Kampfkunst. Hierbei wird erwartet, daß sich der jeweilige Schüler als würdig erweist, indem er den Anweisungen des Lehrers Folge leistet – dies ohne sie zu hinterfragen. Anders gesagt, das unkritische Erlernen der Grundlagen dient der Einprägung der unterschiedlichen Bewegungsabläufe und der Ausbildung einer kampforientierten Automotorik. Daher kann laut Draeger das Lernen in dieser Entwicklungsstufe nur unkritisch sein. Denn der Anfänger verfügt nicht über die Erfahrung, um die Zusammenhänge und Hintergründe bei der Ausführung von Techniken hinreichend begreifen und damit beurteilen zu können.

Die zweite Ebene des Trainings ist Shugyo. Nach Draeger besteht das Ziel dieses Fortgeschrittenentrainings in Ausweitung der jeweiligen Kampfkunst auf eine spirituelle Ebene. Konkret bedeutet dies, daß der Trainierende von seinem Lehrer vor sog. physische Koan, also Rätsel oder Dilemmata, gestellt wird. Der Lehrer führt also im Rahmen des Trainings (Kampf-) Situationen herbei, welche durch das grundlegende technische Verständnis des Schülers nicht mehr zu lösen sind. Der Schüler soll vielmehr gezwungen werden, intuitiv zu reagieren und damit eine Lösung zu finden.

Werden auch diese Hürden genommen, so erreicht der Schüler laut Draeger die Jutsu-Ebene. Diese Stufe des Lernens zeichnet sich dadurch aus, daß sich das intuitive Verständnis der unterschiedlichen Techniken gefestigt hat und der Schüler dabei erkennt, daß ein weiteres Beschreiten des Weges immer nur über das intuitive Verständnis sowie über das weitere, körperliche Training zu erreichen ist. Dieser Prozeß wird laut Draeger nun durch den Lehrer dadurch unterstützt, daß beim Üben von Kata ein abrupter Wechsel zwischen den unterschiedlichen Formen durch den Lehrer erzwungen wird. Wenn man so will, wird eine Loslösung von festgelegten Formen erreicht. Der letzte Schritt, das Erreichen der Ebene des Do, jedoch erfolgt ohne Begleitung des Lehrers. Es ist die individuelle Einsicht in die Hintergründe der jeweiligen (Kampf-) Kunst sowie der Sinnhaftigkeit des eigenen Seins gefordert.

Der dritte Teil von Draegers „Classical Budo“ nimmt schließlich die Beschreibung der konkreten Transformationsprozesse der jeweiligen Kampfkünste ein. Neben der Wandlung von kenjutsu zu kendo, iaijutsu zu iaido finden auch die waffenlosen Künste des jujutsu Berücksichtigung. Interessant an diesen Ausführungen ist dabei nicht nur, daß eine Genealogie der unterschiedlichen Kampfkünste präsentiert wird: Z.B. was ist eigentlich der Muso Shinden Ryu? Wer hat ihn gegründet? Und wie hat sich diese Tradition bis heute entwickelt? Auch verdeutlicht Draeger an dieser Stelle gut, was den Unterschied zu den modernen und dem klassischen bûdo-Formen ausmacht: Das klassische bûdo zielt stärker auf den Aspekt der Anwendbarkeit und der spirituellen Kultivierung ab, während sich das moderne bûdo zum überwiegenden Teil an der Idee des Sports orientiert; und damit, wie Draeger nicht müde wird zu erwähnen, auch seine spirituelle Dimension und Wertigkeit verliert.

Was bietet Draegers Abhandlung also? Es wird ein inhaltlicher Tiefgang zum Thema klassisches Bûdo geboten, welcher in dieser Systematik in nur sehr wenigen Abhandlungen zum Thema Bûdo oder spezifischen japanischen Kampfkünsten zu finden ist. Weiterhin enthält das Buch viele Abbildungen (Fotos und Zeichnungen), welche den dichten Text zum einen auflockern, zum anderen dem besseren Verständnis bestimmter Textpassagen dienen. Kurz gesagt, diese Abhandlung sowie alle weiteren Werke von Draegers 3-teiliger Reihe „The Martial Arts and Ways of Japan“ haben auf jeden Fall einen Platz im eigenen Bücherregal verdient. Einziger Wermutstropfen, „Classical Budo“ ist nur auf Englisch erhältlich. Dies sollte jedoch den interessierten Leser nicht davon abhalten, ein Exemplar zu erwerben.

F. Simmel Oktober 2008

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