Iaido News

Die letzten Samurai?

Die letzten Samurai -nur als Filmhelden.Das Jahr 2004 kann im Rückblick betrachtet als Hochzeit des Iaido in Deutschland gelten: Bei fast jeder Trainingeinheit sah man neue Gesichter und besonders junge Leute interessierten sich in diesen Tagen für japanischen Schwertkampf. Manche schauten nur zu, einige trainierten ein paar Mal mit, aber immer wieder gingen bei den Geschäftsstellen auch neue Mitgliedsanträge ein.Bei einem gemütlichen Zusammensein nach dem Oshogatsu-Lehrgang 2005 in Mölln berichteten Dojoleiter aus Braunschweig, Lüneburg und dem Münsterland von ganz ähnlichen Erfahrungen. Natürlich ist das steigende Interesse ein sehr erfreuliches Phänomen. Doch es überrascht auch ein wenig und ist sicher nicht allein mit professionellen Webauftritten, Einsteigerkursen für die Universität und unserer Iaido-News zu erklären, die sich einem immer größeren Kreis von Interessierten erschließt. Inzwischen ist dieser "Trend" wieder ein wenig abgeklungen. Kein Grund jedoch, nicht trotzdem nach seinen Ursachen zu fragen

Bei dem erwähnten Beisammensein in Mölln fielen in der Diskussion des öfteren Filmtitel wie „Last Samurai“, „Kill Bill“ und „Fluch der Karibik“. Ein Blick auf die aktuelle Filmlandschaft erhärtet den Verdacht, daß Hollywood an dem wachsenden Bekanntheitsgrad der Kampfkunst Iaido nicht unschuldig ist, man erinnere sich an das Schwertduell auf einem fahrenden Truck in „Matrix Reloaded“.

In der Tat scheinen die großen Studios derzeit Elemente des klassischen Abenteuerfilms mit großer Begeisterung wieder zu entdecken. Die letzte große Hochzeit des Piratenfilms liegt bereits Jahrzehnte zurück und seit Jerry London´s legendärem Mehrteiler „Shogun“ war nur noch dem „Highlander“ Christopher Lambert mit seinem Samuraischwert eine ähnliche Popularität vergönnt wie Richard Chamberlain. Das änderte sich in den letzten Jahren: Mit „Hero“ und „Tiger and Dragon“ hat das chinesische Kino auf sich aufmerksam gemacht. Auch Japan schien an dieser neuen Modewelle teilzunehmen und knüpfte mit neuen Samuraifilmen an die Meisterwerke Akira Kurosawas an (siehe unsere Iaido-News Filmkritik). Kurz und gut: Das neue Filmjahrtausend steht ganz im Zeichen der Schwertkämpfe.

Den großen Studios hier besondere Kreativität zu unterstellen, würde wahrscheinlich zu weit gehen. Vielmehr wird für große Produktionen wie „Der Herr der Ringe“ mit umfangreichen Marktanalysen erst einmal der Boden geebnet. Trotz des alljährlichen Unkens über Millionenschäden durch Raubkopierer sind die Budgets für Filmproduktionen in den letzten Jahren immer größer geworden (auch wenn mancher sich statt der opulenten Spezialeffekte kreativere Drehbücher wünscht). Hollywood produziert heute für ein weltweites Publikum, immer öfter kommen Filme auf dem ganzen Erdball am selben Tag in die Kinos. Das zunehmende Interesse an den Samurai, Piraten und Gladiatoren, welches die großen Studios bedienen, ist offensichtlich ein globales Phänomen. Wieso aber kommen Kinozuschauer gerade jetzt auf die Idee, das im Film gesehene in einer Fechtschule oder einem Dojo selbst auszuprobieren bzw. zu erlernen? Fragen wir weiter: Wollen gerade junge Leute, inspiriert durch Tom Cruises´ letzten Film, nur den Schwertkampf erlernen, oder suchen sie etwas anderes in den asiatischen Kampfkünsten?

Hier lohnt sich ein etwas näherer Blick auf „Last Samurai“ durchaus. Das Japan des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird im Film als eine zerrissene Gesellschaft dargestellt, die sich zwischen kapitalistisch motivierter Industrialisierung und dem Althergebrachten, symbolisiert durch die letzten Samurai, entscheiden muß. Historisch wurde diese Frage bereits im Jahr 1854 entschieden, als der amerikanische Kommodore Matthew Perry mit zehn Kanonenbooten Japan gewaltsam dem westlichen Handel öffnete. Tom Cruise kommt als gebrochener, von Krieg und Massenmord gezeichneter Unionsoffizier nach Japan und lernt im Hochland jene Lebenswelt kennen, die am Ende des Filmes mit wehenden Fahnen untergeht. Die Höflichkeit und der respektvoller Umgang der Samurai untereinander sind ihm fremd. Doch durch die Unterweisung in die Kriegskunst (die, wie wir alle wissen, mehr ist als der Umgang mit dem Schwert), findet er inneren Frieden. Ehre, Bewährung im Kampf und nicht zuletzt aufrichtige Freundschaft sind Elemente, die sich auch in den zuvor genannten Filmen finden lassen. Dies scheint viel eher „des Pudels Kern“ zu sein, um einmal mit Goethe zu sprechen.

Es ist verhältnismäßig einfach, den grundlegenden Konflikt von „Last Samurai“ auf den Beginn des 21. Jahrhunderts zu übertragen: Hier propagieren Industrie, Massenmedien, zum Teil auch die Politik den Konsum als Allerweltsheilmittel und neues Wertegefüge. Wer einmal länger über den Sinn von Werten nachdenkt, wird schnell zu dem Schluß kommen, daß „Ich-AG“ und „Spaßgesellschaft“ der Weisheit letzter Schluß nicht sein kann. In dieser Zeit, weltanschaulich vielleicht ebenso zerrissen, wie es das Japan des 19. Jahrhunderts gewesen sein mag, ist die Suche nach Halt und Orientierung eine logische Folge. Womit wir bei einer möglichen Antwort bereits angelangt sind: Wer sich ernsthaft für Budo interessiert, der ist auf der Suche. Und wer dann ebenso ernsthaft trainiert, der befindet sich auf dem Weg und ergründet seine Geheimnisse. Und diese, das wissen wir alle, verlieren ihre Wirkung nicht mit der letzten Verbeugung nach dem Training. Für die Fortgeschrittenen unter uns ist das auch keine neue Erkenntnis.

Letztenendes ist es sicher egal, was die vielen Interessierten in die Dojos und Übungsgemeinschaften strömen läßt. Ob Kinobesuch oder Internetrecherche, das macht keinen Unterschied. Wenn das Iaido in einer an Werten armen Zeit ein Gegengewicht darstellen kann, dann ist das ein erfreulicher Gedanke. Nicht umsonst liest man in den diversen Dojo-Verhaltensregeln, daß sich der Iaidoka nach Kräften um die Verbreitung seiner Kunst bemühen soll.

Kommentare

Keine Kommentare
Anzeige
Anzeige