Iaido News

Lehrer und Schüler Teil 2: Was kann der Lehrer vom Schüler lernen?

Sensei Sagawa erläutert Tenouchi In der letzten (Print-) Ausgabe der Iaido-News ging es bereits um das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler im Iaido. Ich will die Frage nach diesem Verhältnis hier ein weiteres Mal aufgreifen, ohne philosophische Betrachtung diesmal, sondern ganz pragmatisch. Entsprechend will ich auch den Lehrer verstanden wissen: Hier ist es einfach ein erfahrener Iaidoka, der vielleicht in Vertretung, vielleicht aber auch völlig eigenverantwortlich eine Gruppe leitet, unabhängig von seiner Graduierung.Die verbreitete Vorstellung ist nun, daß der Lehrer von seinem Wissen abgibt und die Schüler sich durch die Aufnahme desselben verbessern. Das Wissen fließt sozusagen wie ein Wasserfall von oben nach unten und grenzt beide Parteien streng hierarchisch voneinander ab. Ich behaupte dagegen: Schüler und Lehrer befinden sich in einem stetigen Austausch und auch der Lehrer profitiert, technisch wie geistig, von der Arbeit mit seinen Schülern. Wie ist das zu verstehen?

Zunächst einmal bedeutet technische Fertigkeit im Budo nicht notwendigerweise das Talent, diese auch gut vermitteln zu können. Manche Budoka lehnen Unterweisung anderer gar ab und trainieren nur für sich alleine. Eine Gruppe, die es zu unterrichten gilt, vermittelt einem Übungsleiter erst einmal Erfahrung. Als Fortgeschrittener sieht man bei Anfängern natürlich eine Fülle von Fehlern. Aber zu unterrichten heißt mehr, als nur ab und an eine Haltung zu korrigieren (möglichst noch ohne Erläuterung). Man muß den Schüler hier schon als Ganzes sehen und für sich analysieren, wo dessen Stärken und Schwächen individuell angelegt sind. Viele Schüler haben ganz spezifische Eigenarten, die sie mit ins Training bringen: Manche haben Probleme mit dem Gleichgewicht (und fallen regelrecht in die Schnitte hinein), andere bringen ihre ganz eigene Idee vom Schwertkampf mit (und hacken, daß das Bokken pfeift). Für jede Eigenart gibt es ein Gegenrezept. Dieses Rezept muß der Lehrer finden, um sein Gegenüber nicht nur technisch zu verbessern, sondern wirklich auf dem Weg des Iai weiterzubringen.

Hat man sich also selbst mit den Eigenschaften seiner Schüler vertraut gemacht, muß man die entwickelten Verbesserungsvorschläge auch an den Mann bringen und das ist gar nicht so einfach. Soviel sei verraten: Erklärungen alleine nutzen meist wenig. Partnerübungen können schon hilfreicher sein, womit wieder eine Facette des Übungsleiterdaseins angeschnitten wird: Meistens hat man es mit einer Gruppe zu tun, die bunt gemischt aus allen Berufen und Altersstufen zusammengesetzt ist. Ein Gefühl des Zusammengehörens kann im harten Trainingsalltag Wunder wirken und Schwächere zum Durchhalten motivieren (Gan Batte!). Dennoch hat aber jeder Schüler auch das Recht auf individuelle Betreuung. Die Mischung macht´s eben. So wie jeder Schüler unterscheidet sich natürlich auch jeder Übungsleiter vom anderen und hat (völlig zu Recht) seinen eigenen Stil. Den kann man aber gehörig aufpolieren, wenn man über die Jahre Methoden entwickelt und wieder verwirft. Der beste Tip ist die Beherzigung dessen, was sowieso der Antrieb unseres Übens sein sollte: Stets aufmerksam seiner Umgebung gegenüber zu sein und auf Herausforderungen richtig zu reagieren.

Sehr viel lernt der frischgebackene Übungsleiter bei der Vorführung oder auch bei der Demonstration von Suburi-Übungen: Es brauchen nicht einmal Fragen zu kommen, ein aufmerksamer Iaidoka merkt vor Zuschauern sofort, wo seine eigene Technik schlampig ist. Das Bedürfnis, vor Anwesenden das wirklich Beste zu geben, lässt Fehler noch stärker wahrnehmbar werden. Daraus erwächst im Idealfall der Wunsch, sich weiter zu verbessern, womit man seinen Schülern wieder sehr ähnlich wird. Die Schüler nehmen unbewußt quasi selbst die Rolle des Lehrers ein, indem sie beobachten, imitieren (und das genauso richtig oder falsch, wie es ihnen vorgemacht wird) und dadurch den Lehrer auf seine eigene Unvollkommenheit hinweisen. Schüler sind in dieser Hinsicht wie ein Spiegel. Falsche Erklärungen und falsche Technik werden gnadenlos entlarvt. Läßt man sich aber auf diese Vorstellung ein, so ist der Austausch da, den ich am Beginn dieses Artikels angesprochen habe und beide Parteien, Übungsleiter und Schüler, profitieren vom gemeinsamen Training. Sich diesem Spiegelbild immer wieder zu stellen, ohne den „Anfängergeist“ völlig zu vergessen ist es, was meiner Ansicht nach den wirklich guten Lehrer ausmacht, jenseits von Technik oder Graduierung.

„Ein Anfänger, der gewissenhaft seine Übungen macht, ist auf dem Weg (Do). Ein Fortgeschrittener, der glaubt, er wisse bereits alles, hat den Weg verlassen.“

Alte fernöstliche Budo-Weisheit.

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